Stephan Herzberg
Diakon im Zivilberuf
01.10.2026
Liebe Schwestern und Brüder!
„Aber jeder soll darauf achten, wie er weiterbaut.“ (1 Kor 3,10) Dieser Satz des Apostels Paulus gilt nicht nur für jemanden, der von anderen eine neue Aufgabe übernimmt, er gilt auch für junge Eltern, die sich Gedanken darüber machen, wie sie selbst das Familienleben gestalten, ihre Kinder erziehen und den empfangenen Glauben weitergeben wollen. Die Frage stellt sich schon in den kleinen Situationen des Alltags: Wie baue ich mit meinem Kind einen angefangenen Turm weiter?
In seiner ersten Enzyklika Magnifica Humanitas – über die Bewahrung des Menschen im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz – sieht Papst Leo XIV. die Menschheit als ganze vor eine grundsätzliche Wahl gestellt: Errichten wir einen neuen Turm zu Babel, oder beteiligen wir uns, jeder in seinem Bereich, am Wiederaufbau der Mauern Jerusalems? Hinter bei-den biblischen Bildern (Gen 11,1-9; Neh 2-6) stehen, dem Heiligen Augustinus folgend, zwei Arten von Liebe: Geht es uns letztlich nur um uns selbst, wie wir unsere eigenen Interessen durchsetzen, unser Image pflegen oder unser Prestige steigern können, oder stellen wir Gott in den Mittelpunkt, der sich in seinem Sohn uns schenkt, um in seiner Stadt, „die vom Himmel niedergeht in die Erdenzeit“, gemeinsam mit uns zu wohnen? Wie sollen wir weiter-bauen? Diese Frage stellt sich jedem von uns als Getaufte(r), gerade in der gegenwärtigen Situation.
Ich finde drei Punkte bemerkenswert:
(1) Wenn Paulus uns ermahnt, achtsam und sensibel zu sein, wie wir weiterbauen, setzt das voraus, dass wir es können. Jedes Sollen setzt ein Können voraus. Uns wird zugetraut, auf dem einen Grund weiterzubauen, der gelegt ist: Jesus Christus (1 Kor 3,11).
(2) Die Rede ist vom Weiterbauen: Die Bibel ist voll von Bildern des Wachstums und der Ernte, des Bauens, Wiederherstellens und Weiterbauens. Sie ist keine Abrissgeschichte.
(3) Der Wiederaufbau beginnt bei jedem Einzelnen, und zwar in seinem Herzen: Wie Papst Leo in seiner Enzyklika schreibt, gelingt die Wiedergeburt Jerusalems nach dem babylonischen Exil nicht durch Lösungen von oben oder durch die Initiative eines Einzelnen, sondern „durch die gemeinsame Verantwortung des ganzen Volkes“. „Es ist ein Werk, bei dem Gott im Mittelpunkt steht und das Beziehungen wiederherstellt, noch bevor die Steine wiederaufgeschichtet werden.“ (Magnifica Humanitas Nr. 8) Sich auf Gott ausrichten und auf ihn hin die Beziehungen wiederherstellen – das ist die unverzichtbare Grundlage.
Ihr
Stephan Herzberg, Diakon